03. November 2009
Ein Tierschutzthema, das sehr stark polarisiert, ist die Wildtierhaltung und Dressur im Zirkus. Leiden Wildtiere bei den Vorführungen der Zirkusse oder leben sie mit dem Vorführen von Kunststücken ihren spielerischen Trieb zusammen mit dem Menschen aus, und freuen sie sich, wenn wir uns freuen?
Ist die Basis der Dressur Vertrauen oder Zwang? Für einen Laien ist das sehr schwierig zu beurteilen. Unser Herz schlägt höher, wenn die majestätischen Wildtiere die Manege betreten. Plötzlich sind sie uns so nah, in Griffnähe sozusagen. Wir müssten nur unsere Hand ausstrecken, und wir könnten sie berühren, sie, die ursprünglich wildlebenden Zeugen der Evolution.
Es ist herrlich, ihren wilden Geruch einzuatmen, ihre Eleganz beim Arbeiten zu beobachten und ganz in ihrem Bann zu sein. Nicht nur Kinderaugen leuchten, wenn der Dompteur, scheinbar spielerisch, den riesigen Elefanten oder mächtigen Tiger dazu bringt, die gemeinsam erlernten Fertigkeiten vorzuführen. Die Tiere und ihr Meister erhalten tosenden Applaus, denn so erträumen wir uns doch die Welt, voller Harmonie und spielerischen Umgang.
Nur manchmal bleibt ein Rest Zweifel, dann etwa, wenn wir einen tieferen Blick in die Augen des vorübereilenden Elefanten werfen, dann, wenn wir uns nicht blenden lassen von der lauten Musik und den schrillen Kostümen. In der Stille des Augenblicks, im Einssein mit dem wilden Tier in der Manege blitzt plötzlich die Ahnung des Schmerzes dieser Tiere auf. Doch schon setzt die Musik wieder ein und man ist geneigt, seinen Träumen zu vertrauen und dieses Spiel von Mensch und Tier zu bewundern.
Die Haltung von Wildtieren in Zirkussen ist sehr problematisch. Sie haben ganz spezifische Bedürfnisse. Wildtiere, wie z. B. Elefanten, sind Herdentiere mit sehr komplexen Sozialstrukturen. Ihr massiger Körper ist dafür gemacht, viele Stunden am Tag auf der Suche nach Futter und Wasser durch die Landschaft zu ziehen. In Elefantenherden wird füreinander gesorgt. Wenn eine Elefantenkuh ein Junges bekommt, unterstützen sie die älteren erfahrenen Elefantenmütter. Sie trösten die Gebärende, beschützen sie und das Neugeborene und kümmern sich in liebevoller Weise gemeinsam um die Aufzucht der jungen Elefanten. Sie trauern auch, wenn ein Tier aus der Herde stirbt. Immer wieder kehren sie an den Ort des Todes zurück, berühren das Tier mit ihren Rüsseln und stossen ganz spezielle Töne, Trauertöne, ähnlich unserem Weinen aus.
Elefanten, um bei diesem Beispiel zu bleiben, haben ein ausgezeichnetes Sensorium, Nahrung und Wasser aufzuspüren. Auch wenn Landschaften ausgetrocknet sind, gelingt es ihnen, teilweise unter sehr strapaziösen Umständen, das nächste Wasserloch zu erreichen. So lange es geht, wird für ältere und schwächere Herdenmitglieder gesorgt, man wartet auf sie und kümmert sich darum, dass auch sie Futter und Wasser erhalten.
Diese hochsensiblen, intelligenten Wesen mit einem ausgeprägten Bewegungsdrang und klaren Vorstellungen von sozialer Kompetenz werden in Zirkussen auf engstem Raum gehalten. Für diese Riesen ist der Raum auch sehr eng, wenn ihnen ein kleiner Paddock mit Elektrozaun abgesteckt wird. Was meistens nicht der Fall ist. Sicher immer nachts und oft auch über Tag, sind die Tiere an den Füssen angekettet, stehen in Reih' und Glied. So, wie der Pfleger es für richtig befindet. Sie verbringen so endlose, sinnlose Stunden. Ohne Abwechslung und ohne soziale Kontakte.
Dadurch, dass sie keine Möglichkeit sehen, ihre artspezifischen Bedürfnisse auszuleben, fangen sie an zu stereotypieren. Das heisst, den Kopf völlig sinn- und motivationslos, rhythmisch hin und her zu bewegen. Weben nennt man diese psychische Störung. Das Weben entsteht nicht bewusst, es ist, als ob der in Gefangenschaft gehaltene Elefantenkörper damit ein Ventil für seine Verzweiflung gefunden habe.
Man sagt, dass die engen Platzverhältnisse den Zirkustieren nichts ausmachen, da sie ja die Abwechslung der Arbeit mit dem Menschen in der Manege haben, wo sie geistig gefordert werden und viel Neues lernen. Man sagt, die Tiere seien glücklich und würden alles für ihren Menschen tun.
Wildtiere sind und bleiben immer Wildtiere. Sie sind uns in vielen Sinnesleistungen und Körperleistungen absolut überlegen. Ein Schlag von einem Rüssel, ein Prankenhieb oder einmal kurz Zubeissen, und alles Spielerische ist sofort beendet. Der Mensch hat der körperlichen Überlegenheit dieser Tiere nichts entgegen zu setzen. Was also bringt die Tiere dazu, immer mit dem Menschen zu kooperieren? Eigene Bedürfnisse und artspezifische Anlagen völlig zu negieren, nur um die Befehle des Dompteurs zu befolgen. Ist es Freundschaft, Loyalität oder vielleicht sogar Liebe?
Jede Freundschaft, Loyalität und Liebe kennt gute und schlechte Tage. Wir haben gelernt, damit zu leben, und unter Menschen bergen diese schlechten Tage nur geringe Risiken. Wie aber ist das mit Wildtieren? Kann man riskieren, einem mächtigen Elefanten an einem schlechten Tag Befehle zu geben?
Wohl kaum. Es gibt ausführliches Filmmaterial, wie eingefangene Elefanten dazu gebracht werden, die Befehle des Meisters auszuführen. Das hat mit „spielerisch“ gar nichts zu tun. Dem verängstigten Tier werden Nahrung und Wasser entzogen. Sie werden auf das Engste angekettet, geschlagen, mit dem Haken an besonders empfindlichen Stellen gestochen. Die Qual geht über Stunden, Tage, bis das Tier gebrochen ist, seinen eigenen Willen aufgibt und sich nicht mehr wehrt. Ein besonders perfides Instrument ist die sogenannte Ohrschlaufe. Eine Schnur, versehen mit einer scharfen Klinge, wird dem Elefanten eng um sein empfindliches Ohr gebunden. Immer wieder wird daran gerissen, die Klinge bohrt sich tief in das Fleisch des Tieres und verursacht schreckliche Schmerzen. Diesen unglaublichen Qualen sind junge, wildgefangene Elefanten ausgeliefert. Oft wurden beim Einfangen ihre Mütter erschossen. Neben der grossen Trauer müssen die Tiere auch die Schmerzen ertragen. Jedes Wesen gibt unter solchen Umständen irgendwann auf, ergibt sich in sein Schicksal und wehrt sich nicht mehr, da jedes Wehren neue Schmerzen zur Folge hat.
Erst wenn der Elefant soweit ist, beginnt die Dressur in der Manege. In diesem Zusammenhang von spielerisch und freudvoll zu sprechen, ist geradezu zynisch.
Natürlich wünschen wir uns alle eine heile Welt. Zugegeben, es wäre wunderbar, wenn Mensch und Wildtier als Einheit im Zirkus auftreten würden. Dieses Zusammenwirken könnte unsere Herzen berühren und uns ein Stück des verlorenen Paradieses zurückgeben. Wir wären dann wirklich wieder ein Teil des Ganzen. Mensch und Tier, vereint im Tanz des Lebens. Die Tatsachen aber sprechen eine andere Sprache. Die Wildtiere werden in den Zirkussen missbraucht, ihrer Freiheit beraubt und unter unsäglichen Qualen dazu gebracht, uns vorzugaukeln, wir könnten unsere Sorgen, Ängste und Nöte für einen Moment vergessen und ganz in der Einheit versinken.
Nicht nur, dass der Preis für die Tiere zu hoch ist. Auch wir zahlen ihn, denn paradiesische Zustände können nicht unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erzwungen werden. Nur wer sich einlässt auf die tiefe Ebene der Seelenverbindung zwischen Mensch und Tier, findet wirklich Ruhe. Und das passiert bestimmt nicht beim würdelosen Vorführen unserer wilden Ahnen. Nur demütige Beobachtung der Tiere in ihrem ursprünglichen Lebensraum, in völliger Freiheit und unabhängig von menschlichen Bedürfnissen, lässt uns ahnen, dass wir vom Paradies gar nicht so weit entfernt sind.
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